Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster im Test – Bändigt den Stier

Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster Spider

Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster im Test – Bändigt den Stier

50 Jahre Firmengeschichte gekrönt mit dem Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster

Die Sportwagenschmiede aus Sant’Agata feiert runden Geburtstag. Und als Geschenk an die Autowelt krönen die Italiener ihre Modellpalette mit der offenen Version des Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster, einem Cabrio mit 700 PS. Voller Vorfreude pilgern wir ins heilige Automobil-Delta zwischen Modena, San Cesaro sul Panaro und eben Sant´Agata. Auf einer Testfahrt muss der Aventador Roadster beweisen, ob er seinem Namen zu Ehre gereicht. Der automobile feuchten Traum des Großteils der männlichen Weltbevölkerung und The Motorist darf den roten Stier einen Tag lang bei den Hörnern packen und durch die Bergstraßen der wunderschönen Emiglia Romana pletten.

Der Motor des Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster

 

Allein das Geräusch des Anlassers – hochfrequentes lautes Pfeifen, fast zwei Sekunden lang, bis der Zwölfzylinder zum Leben erwacht. Sonor, aber kultiviert summend stimmt das 6,5-Liter-Aggregat zu einer Ouvertüre an. Kein Krawall – kein rotziges Geröchel, sondern elegant umschmeichelt er den Gehörgang. Ein orientierender Blick auf die Mittelkonsole lässt den Blick über die Tasten der Fahrmodi streifen. Der Strada-Modus weicht mit einem Druck der Sport-Abstimmug. Das einsetzende lüsterne Röcheln des vierflutigen Endrohrs bläst meine anfängliche Enttäuschung mit einem heiseren Schreien des Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster fort. Ein leichtes Gasstoß im Stand, ein Aufheulen des Zwölfenders – Adrenalin durchströmt meinen Körper wie hochoktaniges die zwölf Brennräume hinter mir.

 

Die erste Fahrt im Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster

 

Entlang schnurgerader Straßen demonstriert der Kampfstier erst einmal seine sanfte Seite. In der Strada-Abstimmung befinden sich Lenkung und Gasannahme auf Kuschelkurs und die Haldex-Kupplung verteilt die Leistung recht ausgewogen zwischen Vorder- und Hinterachse. Quasi die Cruise-Funktion für die Boulevards dieser Welt. Erst der beherzte Tritt auf´s Gaspedal offenbart das Potenzial des Kampfstieres. Die Klappen der Auspuff-Steuerung öffnen sich, der Wagen strebt gewaltig vorwärts. Akustisch entwickelt sich die Ouvertüre zu einer geschmetterten Arie, erst der Blick auf den Tacho zeigt eine dreistellige Zahl, die höchst bedrohlich für den Führerscheinbesitz erscheint. Angetan von so viel Leistungsbereitschaft bleibe ich länger auf dem Gas als nötig und das automatisierte Sieben-Gang-Getriebe liefert einigermaßen komfortabel und in 50 Millisekunden unwahrscheinlich flott eine Übersetzung nach der anderen. Viel zu schnell fliegt eine Linkskurve auf mich zu, ich aktiviere erstmals ernsthaft die sechs Kolben der Vorder- und vier Kolben der Hinterrad-Keramik-Stopper. Leicht panisch stelle ich fest, dass auch der Weg des Bremspedals lang ist und brauchbare Verzögerung einiges an Nachdruck erfordert. Am Scheitelpunkt der Kurve bin ich gefühlt viel zu schnell. Der Aventador ist anderer Meinung und beruhigt mich sanft untersteuernd sowie perfekt kontrollierbar.

 

 

Ein Roadster zum Niederknien

 

Höchste Zeit für Roadster-Feeling: Von Hand lässt sich das Dach des Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster in etwa fünf Minuten erst entriegeln, entnehmen und im winzigen vorderen Koffer-Abteil verstauen. Je 6 Kilo leicht füllen die beiden Dachhälften das 100 Liter Kofferabteil restlos.

Im Sportmodus ist der Lambo schön hecklastig ausgelegt. Bis zu 90 Prozent der überirdischen 700 PS werden an die Hinterräder geschickt, also genau dahin, wo sie hingehören. Vom Gentleman-Driver hat der Supersportler in den Kampfanzug gewechselt und auch ich stelle das Getriebe in den manuellen Modus. Automatisch wechselt das recht nervös zwischen den Gängen hin und her. Ich schalte lieber mittels der riesengroßen feststehenden Peddals hinter dem Lenkrad selbst. Im Stand lege ich die erste Fahrstufe ein, halte die Bremse gedrückt und aktiviere per Gaspedal die Launch-Control. Was dann passiert, ist nur schwer in Worte zu fassen. Der Wagen wird zu einem Katapult, die Beschleunigung ist schlicht der Ritt auf der Kanonenkugel. In glatten drei Sekunden fliegt die Hunderter Marke vorbei 200 Km/h nach nur 8,4 Sekunden. Ich merke, wie das Hirn gen Schädel gedrückt wird und selbiger in die integrierte Kopfstütze der Alcantara Sitze. Hinter mir liegen zwei 355 Millimeter breite schwarze Striche auf dem heißen Asphalt, welche die Pirellis wimmernd und qualmend hinterlassen haben. Im angewählten Corsa-Modus ist das ESP abgeschaltet doch die Keramik-Bremse verrichtet einen exzellenten Job. Nach der Beschleunigungsarie entstandene leichte Zweifel wer hier der Herr in der Arena ist geben mir das Gefühl zurück, dass ausschließlich ich Herr über die Bestie bin. Währenddessen offenbart sich erstmals deutlich, dass es sich beim großen Lamborghini besonders in der Roadster-Version nicht gerade um ein Leichtgewicht handelt. Das ellenlange Heck des 1.753 Kilogramm schweren Boliden beherbergt einen Saugmotor-Koloss und schiebt gewaltig weiter in Fahrtrichtung. Doch die Ingenieure aus Sant’Agata haben ein Fahrwerk mit beachtlichen Reserven konstruiert. Vertikal integrierte Feder-Einheiten mit Öhlins-Dämpfern reduzieren die ungefederten Massen und das Level an Grip ist sehr spektakulär. Man muss diesen Stier bezwingen, ihn sich untertan machen, denn das Lamborghini Aventador LP 700-4 ist eine einzige Provokation des Fahrers. Viel zu leicht lässt man sich vom gierig fauchenden Zwölfzylinder mit seinen 690 Nm Drehmoment herausfordern. Den beeindruckenden Druck zu erleben, wenn der Motor infernal antritt, und dem Fahrer bis jenseits der 8.000er-Marke fast die Sinne raubt. Wer den Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster derart tritt, hat neben einem nassgeschwitzten Rücken auch den Fahrspaß seines Lebens.

Kurven, ich will Kurven!

 

Die nächsten beiden Kurven zersäge ich im zweiten Gang. Wieder Umschalten in den Fahrdynamikmodus Corsa. Ein Klicken am Schaltpaddel hämmert den dritten Gang rigoros rein. Auf der Rennstrecke gilt es keine Zeit zu verlieren, dafür ist der Modus höchsten sportlichen Ansprüchen angepasst. Das Gaspedal spricht scharf an, der vierte Gang knallt hart. In der schnellen S-Kurve bleibt der Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster sehr schön stabil. Das Heck kündigt sich an, bleibt aber so lange stabil, bis ich mit Gewalt und Vollgas den Drift provoziere. Doch die norditalienischen Straßen der Emiglia Romana auf denen ich heute unterwegs sein darf sind nicht breit, deswegen muss ich auf wilde Driftorgien verzichten. Viel lieber bewege ich diesen Supersportler im Sport-Modus über die engen Landstraßen. Denn man spart sich dabei die sehr harte Gangart von Getriebe und Fahrwerk. Für die Rennstrecke, ja, aber unter der Sonne Italiens mit einem offenen Roadster steht die Fahrfreude im Vordergrund.

 

Fazit

Dieser Wagen ist eine helle Freude, gibt ordentlich Feedback und, hat man sich an die oberen Leistungsregionen herangetastet, kündigt sich der Grenzbereich zuverlässig an. Auch Lenkung und Spurtreue überzeugen. Im Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster schnell zu sein ist nicht schwer, trotzdem jedoch nicht weniger als harte Arbeit. Es erfordert einen gefestigten Charakter sich vom Aventador nicht provozieren zu lassen und eine harte Hand, um zu zeigen, wer hier wen beherrscht. Wer sich allzu oft zu einer harten Gangart verleiten lässt, bekommt die Quittung ohnehin an der Tankstelle. 16 Liter hochoktaniges sollen auf 100 Kilometer reichen. Entweder ist der Tank zu klein oder ich Charakterschwach; bei meinem Test-Ausritt will sich die Verbrauchsanzeige diesem Wert so gar nicht nähern. Sei´s drum, ans Sparen habe ich bei diesem Wagen ohnehin nicht gedacht. Wer die 357.000,- Euro Grundpreis berappt, dem wird der ein oder andere Liter ohnehin egal sein. Nach einem schnellen Nachmittag in den Bergen wird es leider Zeit, das liebgewonnene Spielzeug zurückzugeben. Im weggehen fallen mir jedoch die Felgendeckel ins Auge. Der obligatorische Stier und ein Schriftzug sind darauf abgebildet: 1963 bis 2013. Dieser Wagen ist dem Jubiläum sicher würdig und ich werde mich noch lange an dieses Rendezvous erinnern. Herzlichen Glückwunsch, Lamborghini!

 

Die schönsten Bilder des Lamborghini Aventador LP 700-4 Roadster:

 

 

 

MotorV 12
Hubraum (ccm)6.498
KraftstoffSuper
Tankinhalt (l)90
Leistung
PS700
Drehmoment690 Nm
0 - 100 km/h3,0 sec
Vmax350 km/h
GetriebeISR 7-Gang
AntriebsartAllrad
Leistungsgewicht (kg/PS)2,25
Maße & Gewicht
Länge (mm)4890
Breite (mm)2030
Höhe (mm)1110
Gewicht1575 kg
Wendekreis12,5 m
Umwelt
Co2-Emission398 g/km
Verbrauch17,2 l / 100 km
EmissionsklasseEU 5
Preis
Grundpreis357.000 €
Markteinführung04 / 2013
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